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Warum ein Fahrplan für die Gedichtinterpretation?
Für viele Schüler, Abiturienten und Studenten ist die Gedichtinterpretation eine Horrorvorstellung. Oft ist nicht klar, an welcher Stelle sich ein Gedicht “packen” lässt - eine Beschreibung der rein formalen Eigenschaften wäre ebenso wenig befriedigend wie die bloße Inhaltsangabe. Folglich stehen beide Aspekte - der formale und der inhaltliche - oft unverbunden nebeneinander, zum Frust sowohl des Schülers als auch des Lehrers. Der folgende “Fahrplan” versucht, ein leicht zu merkendes Schema für die Gedichtinterpretation zu entwickeln. Die Ausführung der einzelnen Schritte hängt natürlich vom jeweiligen Gedicht und von den Anforderungen des Unterrichts ab, aber als Einstiegshilfe für Interpretationen sowohl für die Schule als auch im beginnenden Studium wird sich der Fahrplan als hilfreich erweisen. (Bemerkung: Die Verwendung von Fachterminologie dient der Vollständigkeit und richtet sich vorwiegend an ein studentisches Publikum; Schüler und Abiturienten sollten sich an den inhaltlichen Grundlinien dieses “Fahrplans” orientieren.)
ÜBERSICHT: Phase I: DECODIEREN Phase II: ANALYSIEREN Phase III: INTERPRETIEREN Phase IV: EVALUIEREN EINIGE KUNSTGRIFFE LINK: Lieferbare Musterinterpretationen
Phase I: Decodieren
1. Das Gedicht so oft lesen, bis man glaubt, den Wortlaut vollständig verstanden zu haben.
2. Bei älteren deutschen und bei fremdsprachigen Gedichten: Jedes nicht genau verstandene Wort nachschlagen. (Für Studenten fremdsprachlicher Fächer: Wenn nötig, ein historisches Wörterbuch konsultieren! Im Englischen z.B. das Shorter Oxford English Dictionary)
3. Jeder Mehrdeutigkeit nachgehen.
4. Auf Ironiesignale achten.
5. Aussage von Meinungen und Ausdruck von Gefühlen als solche erkennen und nicht miteinander verwechseln.
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Phase II: Analysieren
a) Zur äußeren Struktur des Gedichts
1. Liegt eine feste Form vor? (Sonett, Ode, Hymne, Ballade, Sestine, Villanelle, Lied, Spruch u.a.)
2. Welche Strophenform liegt vor? (Volksliedstrophe, Balladenstrophe, Terzine, Eigenheiten einzelner Literaturen beachten: Spenserian Stanza, quatrain, sestet etc.)
3. Welche Versform? (Metrum und Anzahl der Hebungen feststellen; Blankvers, Alexandriner, heroic couplet u.a.)
4. Welches Reimschema? (Paarreim=couplet; Kreuzreim; umarmender Reim; Kettenreim u.a.)
5. Welche Reimart? (Rein - unrein; männlich - weiblich; doppelte Reime, gespaltene Reime, Schüttelreime u.a.)
b) Zur Textur des Gedichts
1. Wie ist der Text formalisiert? (Äußere Gliederung)
2. Was wird wiederholt? (Versfüße; Laute, Wörter, Bedeutungen; Alliteration, Endreim, Binnenreim; Parallelismus u.a.)
3. Wie wird das Wiederholte variiert? Auf der Ebene... ...des Phonems (=kleinste bedeutungsunterscheidende Lauteinheit): Reim, Assonanz ...des Morphems (=kleinste bedeutungstragende Einheit, z.B. “lang”, “ent-”): Polyptoton, figura etymologica ...des Semems (=kleinste gebräuchliche Bedeutungseinheit, z.B. Basiswörter): Synonym, Hendiadyoin, Metapher, Tautologie, Pleonasmus, Periphrase ...des Syntagmas (=segmentierte Folge sprachlicher Ausdrücke, z.B. Sätze, Teilsätze etc.): Inversion, Chiasmus
c) Ausdrucksmittel des Gedichts
1. Melopoetische (klangorientierte) Ausdrucksmittel (Klangfarben, Melodie, Rhythmus, Onomatopoesie)
2. Phanopoetische (bild- und vorstellungsorientierte) Ausdrucksmittel (Bild, Vergleich, Metapher, Metonymie, Katachrese, Oxymoron, Synästhesie, Allegorie, Symbol, conceit [engl.])
3. Logopoetische (bedeutungsorientierte und argumentative) Ausdrucksmittel (Antithese, Klimax, Antiklimax, bathos [engl.], Wortspiel, Paradoxon, Anspielung u.ä.)
4. Auffällige Stilmittel (Parataxe, Hypotaxe, Asyndeton, Polysyndeton, Ellipse, Zeugma, Anakoluth, Inversion, Parallelismus, Chiasmus, Antithese, Litotes, Meiosis, Euphemismus, Hyperbel)
5. Stilhaltung:
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empathisch |
neutral |
distanziert |
heiter |
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lyrisch |
sachlich |
kritisch |
spielerisch |
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emphatisch |
trocken |
spöttisch |
witzig |
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pathetisch |
reflektierend |
ironisch |
komisch |
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enthusiastisch |
didaktisch |
sarkastisch |
absurd/Nonsense |
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6. Intendierte Wirkung:
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emotiv |
kognitiv |
praktisch |
unterhaltend |
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Ergriffenheit |
Einsicht |
Betroffenheit |
Entspannung |
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Tiefe |
Klarheit |
Schärfe |
Leichtigkeit |
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Phase III: Interpretieren
1. Worauf will das Gedicht hinaus? Was ist sein Zielpunkt, seine Botschaft oder sein gedankliches Zentrum?
2. Wie entwickelt es sich auf den Zielpunkt hin?
3. Wie wird die innere Entwicklung durch die Ausdrucksmittel und die äußere Struktur formal realisiert?
4. Lässt sich das gedankliche Zentrum eindeutig ausformulieren oder ist es mehrdeutig?
5. Gibt die Mehrdeutigkeit dem Gedicht einen reicheren Sinn oder macht die das gedankliche Zentrum unklar?
6. Aus welchem historischen Bewusstseinszustand heraus ist das gedankliche Zentrum zu verstehen?
7. In welcher literarischen Tradition steht das Gedicht?
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Phase IV: Evaluieren
1. Ist das Gedicht vollständig durchgeformt oder gibt es lose Enden?
2. Ist es in sich stimmig oder spricht es anders als es ist?
3. Ist es originell oder epigonal?
4. Wirkt es authentisch oder kunstgewerblich?
5. Ist es reich oder arm an innerer Erfahrung?
6. Sitzt die Form fest auf der Substanz oder gibt sie mehr vor als dahinter steckt (=ästhetischer Kitsch)?
7. Wird die gestaltete Erfahrung vollständig durch die Form kontrolliert oder zeigt sich Innerlichkeit “nackt” (=sentimentaler Kitsch)?
Einige Kunstgriffe der Interpretation
a) Das Gedicht beim Wort nehmen:
Man sollte sich hüten, auf eine vorschnell antizipierte Aussage im Gedicht zuzusteuern. Der Inhalt eines wissenschaftlichen oder philosophischen Satzes ist das Gesagte; der Inhalt eines poetischen Satzes ist das Sagen des Gesagten.
b) Einstieg durch die Bruchstelle:
Man suche nach einer Unregelmäßigkeit, einer unklaren oder irritierenden Stelle und frage nach deren Funktion oder Bedeutung.
c) “Ex statu nascendi”:
Man versuche sich vorzustellen, unter welchen sprachlichen Realisierungsmöglichkeiten der Dichter bzw. die Dichterin zu wählen hatte.
d) Vergleich zweier motivgleicher Gedichte:
Man übe das Interpretieren, indem man motivgleiche Gedichte nebeneinander stellt und auf ihre Unterschiede hin untersucht.
e) Von der Wirkung ausgehen:
Wenn man sich von einem Gedicht angesprochen fühlt, sollte man zuerst sich selber nach der Ursache des Angesprochenseins befragen.
f) Sich an das Gedicht gewöhnen:
Große Gedichte sperren sich oft gegen ein rasches Verstehen. Statt sich an ihnen abzuarbeiten, sollte man sich erst einmal durch wiederholtes Lesen über einen längeren Zeitraum an sie gewöhnen.
g) Der “heterodidaktische” Blick:
Man frage sich, worauf man die Aufmerksamkeit eines anderen lenken würde, damit er oder sie das Gedicht besser versteht.
Grundsatz
Gedichte wurden und werden nicht geschrieben, damit Literaturwissenschaftler an ihnen ihren Scharfsinn erproben, sondern damit sie dem Leser gefallen. Wer über Gedichte spricht, ohne an ihnen Gefallen zu finden, redet wie ein Farbenblinder über Malerei.
- Prof. Dr. Hans-Dieter Gelfert
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